Es lebe der Grillabend

17. Dezember 2011

Eine Woche ist es her, dass in Europa die Uhren umgestellt wurden und wir alle länger schlafen können, dafür aber länger arbeiten müssen. Mir fiel etwas auf: Die meisten Leute wissen gar nicht, welche Uhrzeit eigentlich dir originale ist und einen noch größeren Teil interessiert es überhaupt nicht. Hauptsache, die Wohnzimmeruhr zeigt zum richtigen Augenblick 20.15 Uhr an und der Wecker klingelt rechtzeitig. Diese hinnehmende Einstellung halte ich für bedenklich.

Ich bin kein Nostalgiker, doch in dieser Sache lob ich mir die Zeiten, als es noch keine Uhren gab. Der Mensch stand auf, wenn die Sonne aufging, hat gejagt und gesammelt und bei Einbruch der Dunkelheit war der Spaß zu Ende. Da Zeit ohnehin ziemlich subjektiv empfunden wird – ein Tag voller Säbelzahntigerjagd ging schneller herum als einer in der zugeschneiten Höhle mitsamt Frau, Kind und Knochenspielen – hat wohl auch erst spät jemand gemerkt, dass im Winter früher das Licht ausging. Als es soweit war, fing das Dilemma an: Die Babylonier erfanden das Jahr und die Woche, ein anderer die Uhr und schon müssen wir nicht mehr aufstehen, wenn es hell wird, sondern wenn das iPhone schellt. Unangenehme Sache.

Klar, dass irgendwann einer auf die Idee kam, die Uhren doch einfach mal umzustellen. Interessanterweise war es Benjamin Franklin, seines Zeichens einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, der als erster vorschlug, man könnte doch einfach alle Uhren umstellen, um eine Stunde zu gewinnen. Wohlgemerkt, das war Anno Siebzehnhundertnochwas, eine Zeit, wo Armbanduhren so verbreitet waren wie heute das Windows Phone. Aber das ist charakteristisch für den Menschen: Kaum ist was erfunden, wird es erst mal umgekrempelt oder ersetzt. Und als Fußvolk durchschaut man diese Veränderungen nicht wirklich. Beispiel Sommerzeit: Im Sommer, das wissen wir inzwischen, wird es später dunkel. Das ist eine gute Sache, denn so bleibt auch nach der Arbeit noch Zeit für einen Grillabend. Irgendwann hat man sich überlegt: Die Abende sind zwar bereits länger als zur Winterzeit, aber machen wir sie doch einfach noch länger. Also werden die Uhren vorgestellt und es ist noch länger hell. Noch längere Grillabende. Begreift das jemand?

Was ich begreife, ist, dass es diese Manipuliererei natürlich nicht nur rund um die Uhrzeit gibt, sondern in allen künstlichen Größen, die wir gebastelt haben. Geld zum Beispiel. Aristoteles hat es seinerzeit als naturwidrig bewertet, wenn sich der Geldwert beim Gläubiger auf wunderbare Weise vermehrt. Der gute Mann hätte heute keine Freude in seinem Heimatland. Aber auch hier ist der Vorteil: Der Mensch kann einfach ein bisschen an der Uhr drehen und schon hat sich die Sache. Als vor über 85 Jahren die Inflation in Deutschland so hoch war, dass man seinen Lohn nur noch in Schubkarren abholen konnte, beschloss die Regierung kurzerhand: Schluss mit dem Spuk, eine Billion Mark sind jetzt eine Rentenmark. Inflation gestoppt.

Ich finde, die Experementierlust hat diesbezüglich stark nachgelassen. Es gibt doch noch so viele weitere Bereiche, wo es sich lohnen würde. Nehmen wir das unerforschte Areal der Gewichte – genauso wie es ein Gesetz zur Umstellung auf Sommerzeit gibt, könnte man doch auch ohne großen Aufwand verordnen, zur Belebung des Weihnachtsgeschäftes und der deutschen Süßwarenindustrie in der Nacht vom 1. November alle Waagen so umzustellen, dass ein Kilo nur noch 500 Gramm wiegt. Vorbei wären die Zeiten, in denen die Deutschen mit schlechtem Gewissen nach all den winterlichen Leckereien greifen und das Gespenst vom Winterspeck über sich schweben sehen. Genauso wie die Uhrzeit heute bedeutend wichtiger ist als der Sonnenstand, ist das Ergebnis der digitalen Waage doch zur Atomuhr des Durchschnittshaltes geworden. Frauen sagen nicht: „Schatz, ich sehe etwas dünner aus“, sondern: „Schatz, ich wiege ein Kilo weniger“ (die meisten sagen “zwei Pfund”).

Was für ein Betätigungsfeld! Am Abend des 31. Oktobers würden überall Partys stattfinden, die römische Fressorgien in den Schatten stellten, getreu dem Motto: Wir können schlemmen, wie wir wollen, morgen wiegen wir eh noch halb so viel. Weigth Watchers hätte erst mal jede Menge Abmeldungen. Dafür wäre der Zulauf am 31. Mai umso größer, dann, wenn die Waagen wieder umgestellt werden und man angesichts der noch zu erwartenden Grillabende wenigstens ein paar Pfunde loswerden möchte.

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