In den letzten Tagen hat ungefähr jedes Nachrichtenportal mit einem Artikel zur Lebensmittelverschwendung aufgemacht. Das liegt daran, dass vor einer Woche der Film Taste the Waste in die Kinos kam und jeder Journalist den Film gesehen hat. Der Doumentarfilm schockiert mit Bilder und Fakten rund um die tägliche Verschwendung von frischen Lebensmitteln.
Neu ist die Erkenntnis ja nicht, dass wir eine Wegwerfgesellschaft sind. Die Wegwerfgesellschaft ist noch viel älter als die “Generation Praktikum”, “Generation Golf” und “Generation Doof”. Ich bin darauf eingestellt, “Generation Müll” genannt zu werden. Aber sind wir wirklich so schlimm? Der Mensch als solches ist, denke ich, kein Wegwerfer. Unzählige Keller, Damenschuhschränke und Panini-Alben beweisen, dass wir jede Menge entsorgungswürdiges Zeug aufbewahren. Es widerspricht unserem Moralempfinden, frische Lebensmittel wegzuschmeißen. Woran liegt es, dass wir es trotzdem tun? Drei Thesen:
Es schmeckt nicht
Bei meiner Oma habe ich immer den Teller leergeleckt und am nächsten Tag gab es schönes Wetter. Bei meiner Oma hat es aber auch immer geschmeckt. Ich habe von ihr ein Kuchbuch geerbt, in dem Sachen wie Kartoffelsuppe und Apfelkuchen erklärt werden. Schauen Sie mal in ein Kochbuch von 2011 – was davon klingt auf den ersten Blick bekömmlich? Ich habe diese Woche zufällig einen Artikel im Guardian gelesen, der sich der hohen Verantwortung der Kuchbuchautoren annahm. Die armen Genies ständen unter dem stetigen Druck, dass auch jedes Gramm in ihren Rezepten seine Richtigkeit hat, schließlich ginge es um das Wohl und Wehe an Esstischen der ganzen Welt. Die Profiköche als Fluglotsen der Küche – ähm, wie bitte? Wenn ich aus Tim Mälzers “Born to cook III – Extended Version mit Audikommentar” das Rezept “Gefüllte Vanille-Paprika auf Holundereis mit Gorgonzola” nachkoche und es genauso schmeckt, wie es sich anhört – ich möchte nicht wissen, wie Tim Mälzer es aussprechen würde – , wem gebe ich dann die Schuld? Natürlich nicht Tim Mälzer. Es liegt an mir, weil ich keine Biopaprika genommen habe.
Tipp: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Mit Recht: Bleiben Sie bei Bewährtem.
Wegschmeißen ist viel zu einfach
Haben Sie schon mal eine Tomate weggeschmissen? Es geht ziemlich leicht von der Hand. Haben Sie schon mal einen Kühlschrank weggeschmissen? Das ist bedeutend schwerer. Der Staat hat alle möglichen Sachen, die eigentlich leicht von der Hand gehen mit Absicht erschwert. Warum macht er das nicht auch bei der Entsorgung von Lebensmitteln? Fangen wir meinetwegen mit Tomaten an und legen fest, dass diese nur noch in der Tomatenstation (Bürgerbüro, 13:30 – 13:45 Uhr) entsorgt werden dürfen (“Bringst du gleich noch die Tomaten weg?” – “… Die sind doch noch gut. Mach doch Tomatensuppe, Schatz” – “Schon wieder?!” – “Ich mag Tomatensuppe!”). Irgendwann würden die Leute sich überlegen auf Produkte wie Tomatenmark zurückzugreifen (gemäß dieser Statistik kaufen 50% der Deutschen kein Tomatenmark – ist doch irgendwie schade) oder nur so viel zu kaufen, dass nichts übrig bleibt.
Tipp: Solange es nicht anders geregelt ist, legen Sie sich selbst kleine Erschwernisse auf. Wer gutes Obst wegschmeißt, muss nackt den Müll rausbringen oder so.
Wir haben das mit dem Verfall verlernt
Die meisten von uns gehören zu den Digital Natives (“Generation Internet” geht natürlich auch). Im Internet wird nichts schlecht. Daten vergammeln nicht. Ilse Aigner will zwar seit Monaten ein Verfallsdatum für persönliche Daten einführen, aber das wird nie was. Im Gegenteil, die Cloud wächst und wächst, und was einmal drin ist, bleibt taufrisch, da virtuell. Und wenn das Internet mir mal etwas nicht virtuelles liefert, habe ich 14 Tage Rückgaberecht.
Bei Lebensmitteln ist das alles etwas anders. Wenn ich mir nach 14 Tagen meine gekauften Erdbeeren ansehe, wüsste ich gar nicht, was ich da ursprünglich bestellt habe. Obst und Gemüse wird eben grundsätzlich ohne Refresh-Button mitgeliefert, und jemand, der mit Farmville aufgewachsen ist, wird von dieser Realität jedes Mal aufs neue überrumpelt.
Tipp: Ich bin dabei, ein Facebook-Plugin zu programmieren, das Ihnen auf die Pinnwand Einträge postet wie: “Banane hat ihren Status geändert: Reif”.